Machen Börsennotierungen Unternehmen schlechter? Eine kleine Systemkritik.

Wie Börsengänge Unternehmen verändern, beschäftigt mich schon eine Weile aufgrund privater und beruflicher Erlebnisse. Meine Antwort auf die Überschrift des Beitrags ist ganz eindeutig „JA“. Ich glaube, dass Unternehmen nach dem Börsengang schlechter werden. Anbei die Begründung meiner Ansicht.

Vor dem Börsengang

Wie sieht verkürzt der Weg eines Unternehmens aus? Ein oder mehrere super motivierte Menschen entwickeln ein Produkt oder eine Dienstleistung. Alle Kraft und Begeisterung fließt in die Perfektionierung des Produkts und die Ausrichtung an Markt und Kunde. Geld spielt in der frühen Phase meist nur dahingehend eine Rolle, dass sich die Gründer den Rücken freihalten, um den Lebensunterhalt zu bestreiten und ansonsten am Unternehmen und am Produkt zu arbeiten.

Zudem spielt das Startup zu diesem Zeitpunkt noch die Vorteile eines inhabergeführten Unternehmens aus. D. h., nachdem eine gewisse Professionalisierung eingetreten ist, bekomme ich als Kunde meist eine engagierte und gute Leistung.

Nach dem Börsengang

Nehmen wir an unser Startup ist kräftig gewachsen, erfolgreich und dynamisch, so stellt sich irgendwann die Frage, ob ein Börsengang nicht die Kapitalbasis für weiteres Wachstum verbreitern kann. Ein absolut logischer Schritt. Aber die Kehrseite der Medaille ist, dass ab diesem Moment nach den Regeln des Finanzmarktes gespielt wird.

Beispielweise können (müssen nicht!) die finanziellen Potentiale aus unseren hochmotivierten Gründern gierige Kapitalisten machen. Was keinesfalls zu verhindern ist – und hierauf bezieht sich meine kritische Sicht – dass ab jetzt die Finanzkennzahlen eine dominierende Rolle spielen. Unsere Gründer befinden sich ab jetzt im Strudel der Quartalsberichtserstattung, bekommen Druck von Aktionären oder fürchten die Herabstufung durch Analysten. Da nehme ich mich als Privatanleger gar nicht aus. Was möchte ich denn, wenn ich eine Aktie erwerbe? Maximale Dividende und Wertentwicklung!

Stimmt nicht, sagst Du?

Schauen wir uns die Praxis an. Was nimmt sich Daimler vordringlich vor? Neun Prozent Umsatzrendite. Kundenglück ist da nur Mittel zum Zweck. Verhandele mal mit einer Großbank einen Kredit. Du wirst vor allem erfahren, wie schwierig und kompliziert die Abwicklung für die arme Bank ist.

Beruflich habe ich oft mit großen Softwareherstellern zu tun. Die meisten sind mittlerweile zu reinen Verkaufsmaschinen mutiert. Es zählt nur der Deal. Das Kundenbedürfnis ist meist gar nicht mehr bekannt. Oder ruft doch mal bei Vodafone im Callcenter an. Viel Erfolg!

Verschiedentlich hört man, dass Geschäftsfelder trotz Gewinn aufgegeben werden, weil die Zielrenditen nicht erreicht werden. Ggf. wird ein Zukunftsfeld verkauft, nur weil die Finanzkennzahlen nicht passen?

Ein weiterer negativer Aspekt ist (dann weit nach der Gründerphase), dass bei großen Kapitalgesellschaften meist „gekauftes Management“ und nicht die Eigentümer das Unternehmen führen. Die Vorstände haben überwiegend kurz laufende Verträge – 5 Jahre sind schon die absolute Ausnahme. Auch gute Manager haben dann aus Überlebensinstinkt gar keine andere Wahl, als auf kurzfristige Effekte und Erfolge zu setzen. Welche Motivation besteht denn für Langfristigkeit im Denken?

Natürlich möchte ich börsennotierte Unternehmen nicht verteufeln, aber es fällt mir schwer Beispiele zu finden, bei denen sich das Kundenerlebnis nach der Börsennotierung verbessert hat. Die einzige AG bei der ich in letzter Zeit eine deutliche Qualitätsverbesserung erkenne, ist ausgerechnet die Staats-AG Deutsche Bahn.

Mein Fazit: Ein Börsengang ist unstrittig ein sinnvoller Weg zu Finanzierung wachsender Unternehmen. Jedoch bin ich überzeugt, dass sich bei börsennotierten Unternehmen der Fokus weg von Produkt und Dienstleistung hin zu Finanzkennzahlen verschiebt. Dies ist den Verantwortlichen als Teil des Gesamtsystems nicht zu verdenken – kann langfristig aber nicht der richtige Weg für nachhaltigen Unternehmenserfolg sein. Meine Empfehlung: Vielleicht solltest Du Dich vor dem Aktienerwerb einmal als Testkunde Deines Anlageziels versuchen.

One Reply to “Machen Börsennotierungen Unternehmen schlechter? Eine kleine Systemkritik.”

  1. So habe ich das noch gar nicht gesehen, sehr interessanter Beitrag. Ich werde zwar als Aktionär weiterhin auf Kennzahlen und Renditen achten, aber das schließt ja eine Betrachtung der Kundenfreundlichkeit nicht aus.

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